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Brave GNU World - Ausgabe 17
Copyright © 2000 Georg C. F. Greve <greve@gnu.org>
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Nachdem ich endlich das Netzwerk in meiner neuen Wohnung eingerichtet habe, möchte ich Euch herzlich zu einer weiteren Ausgabe der Brave GNU World begrüßen. Ich hoffe, diesen Monat eine recht interessante Mischung aus Technik, Politik und Philosophie gefunden zu haben. Beginnen möchte ich mit einer traurigen Nachricht aus Frankreich.

Frankreich und Freie Software

Wie mir Nicolas George schrieb, wurde der in Ausgabe 12 beschriebene französische Gesetzentwurf leider abgelehnt [5], da er nach Ansicht einiger Politiker den freien Wettbewerb bedroht. Deren alternativer Vorschlag spricht ausdrücklich nur von "offenen Standards" und davon, daß dies nicht als Freie Software zu verstehen ist. Nach Angaben von William Steve Applegate, der mich über den neuen Entwurf unterrichtet hat, ist zwar noch davon die Rede, den Sourcecode einsehbar zu machen -- aber nur für die Nutzer in der Regierung.

Da bei Freier Software niemand ausgeschlossen wird und auch die Möglichkeit der kommerziellen Nutzung oft genug bewiesen wurde, ist das Scheinargument der Einschränkung des freien Wettbewerbs offensichtlich falsch. Es ist nur schlecht verschleiert, daß dieser Entwurf der proprietären Software die Hintertür offenhalten soll, während nach Außen vorgegeben wird, sich der Freien Software anzunähern. Aus diesem Grund lehnt beispielsweise die französische Free Software Organisation APRIL den Entwurf ab [6]. Es wäre gut, wenn sich öffentlicher Widerstand gegen diesen Entwurf regen würde und ich möchte Euch bitten, dagegen aktiv zu werden.

Doch glücklicherweise gibt es auch weniger unerfreuliche Nachrichten aus Frankreich. Wie mir David Mentre schrieb, gibt es jetzt eine Studie darüber, wie sich die GNU General Public License mit den französischen Gesetzen verträgt, die unter [7] zu finden ist. Diese Studie kommt übrgens im Wesentlichen zum Ergebnis, daß sich die GPL ohne größere Schwierigkeiten in Frankreich anwenden läßt.

Damit möchte ich mich nun zunächst einmal der technischen Seite zuwenden. Den Anfang macht ein bemerkenswertes Projekt aus dem Gebiet der Textverarbeitungen.

e:doc

Auf den ersten Blick wirkt e:doc [8] von Thomas Schmickl nur wie ein "Mini-Lyx", also eine einfache grafische Oberfläche für das LaTeX Satzsystem. Tatsächlich ist es jedoch deutlich mehr. Bei e:doc handelt es sich um eine WYSIWYM-Oberfläche für beliebig viele Backends. Dabei bezeichnet Backend in diesem Zusammenhang ein Ausgabeformat -- so werden beispielsweise Backends für LaTeX und HTML mitgeliefert.

Praktisch bedeutet dies, daß der Benutzer den Text eingibt und ihn dann mit Hilfe von e:doc strukturiert, formatiert und im gewünschten Format ausggibt. Dabei speichert e:doc den Text in einem internen Format, damit auch die erweiterten Informationen nicht verloren gehen. Dazu zählen z.B. die möglichen Interaktionen zwischen Tags, also Zitaten und Literaturquellen oder Referenzen und Labels.

Seine Mächtigkeit verdankt e:doc vor allem auch seinem vom Konzept her modularen Aufbau. Die Definition der internen Dokumentstruktur ist gesondert von den Backends konfigurier- und erweiterbar. Auf diese Art und Weise ist es leicht möglich, den Dokumenten besondere Eigenschaften zu geben, die dann je nach Erfordernis in die Ausgabeformate umgesetzt werden. Zudem kann auch problemlos ein weiteres Ausgabeformat hinzugefügt werden. Auch betriebssystemspezifische Anpassungen oder Einstellungen der grafischen Benutzeroberfläche sind in ihre eigenen Konfigurationen ausgelagert und können daher schnell und bequem individuell angepasst werden.

Dabei läuft e:doc sowohl unter Unix als auch unter Win32. Dateien können dabei problemlos ausgetauscht werden. Dies macht es ideal für den Einsatz im professionellen Gebiet, wo ein einheitliches Erscheinungsbild erforderlich ist, aber häufig Leute beschäftigt sind, die von LaTeX abgeschreckt werden. Daher gibt der Autor als Zielgruppen auch vor allem Verlage, Zeitungen und Wissenschaftler an.

Es ist geplant, e:doc offiziell ins GNU-Projekt aufzunehmen, sobald seine Funktionalität vollständig ausgereift ist, was nicht mehr lange dauern sollte. Bis dahin unterliegt es auf jeden Fall schon der GNU General Public License.

Der Autor hat noch viele Pläne für e:doc , doch sein Problem ist der akute Zeitmangel, da er im Hauptberuf als Biologe seinen Lebensunterhalt mit Experimenten an Honigbienen verdient. Kürzlich bekam er zwar Unterstützung durch Tim Stevens, doch er hat mich ausdrücklich gebeten, nach weiteren interessierten Entwicklern Ausschau zu halten. Besonders wichtig wären (O-Ton): "Perl Programmers, LaTeX Gurus, HTML Designers, Native Apeakers". Solltet ihr Euch zu einer diese Kategorien zählen und Interesse daran haben, wendet Euch am besten direkt an Thomas [9].

Auch das nächste Projekt ist meiner Ansicht nach nicht nur für Freaks interessant.

GNU Parted

Bei GNU Parted [10] handelt es sich um ein Festplatten-Partitionierungsprogramm ähnlich dem weit verbreiteten fdisk. Allerdings kann GNU Parted nicht nur Partitionen erzeugen sondern auch verschieben, kopieren und die Größe ändern ohne dabei Daten zu verlieren, sofern es sich um eine Ext2, Linux Swap oder FAT-Partition handelt.

Damit kann auf proprietäre Windows-Programme wie "Partition Magic" verzichtet werden, wenn es darum geht, die Festplatte zu reorganisieren, um beispielsweise Platz für einer weitere GNU/Linux-Distribution zu schaffen. Doch GNU Parted beherrscht auch das sogenannte "Disk Imaging".

Die Idee hierbei ist, daß ein Rechner mit einem Betriebssystem plus erforderlicher Software und Einstellungen vorinstalliert wird und die Partition dann auf eine (oder mehrere) CDs kopiert wird. Auf die CD kommt dann noch ein minimales GNU/Linux mit GNU Parted und wenn man von der CD bootet hat man eine einfache und komfortable Möglicheit, die Installation auf andere Rechner zu übertragen; zudem kann so problemlos die Originalinstallation auf dem Rechner wiederhergestellt werden, wenn sie verloren gegangen sein sollte.

Da es unter GNU/Linux zu diesem Zweck andere Programme gibt, füllt GNU Parted vor allem eine Lücke bei Windows-Installationen, was den Autor vor ein ethisches Dilemma stellte. Sollte er den Leuten dabei helfen, Windows zu installieren? Er vertritt die Ansicht, daß seine Software es den Windows-Nutzern einfacher macht, schrittweise auf Freie Software umzusteigen und hat daher diese Frage mit ja beantwortet. Gerade für größere Firmen ist dies wohl eine realistische Einstellung.

Interessant ist auch noch der Zusammenhang von GNU Parted mit DiskDrake und ext2resize. DiskDrake ist ein Ableger einer frühen Version von GNU Parted, der einiges an Funktionalität von GNU Parted fehlt -- dafür hat es jedoch ein schönes Interface, dessen Fehlen laut dem Hauptautor Andrew Clausen eines der größten Probleme von GNU Parted darstellt. Der Zusammenhang mit ext2resize ist sogar noch inniger, da die beiden ihren Ext2-Code miteinander teilen obwohl ext2resize noch zusätzlich Features bietet, wie z.B. das Ändern der Größe gemounteter Ext2-Partitionen.

Die Funktionalität von GNU Parted ist in die libparted-Library ausgelagert, es sollte also relativ leicht möglich sein, das größte Manko -- die fehlende GUI -- zu beheben. Ansonsten bestehen die unmittelbaren Aufgaben darin, die aktuelle Entwicklungsversion zu stabilisieren, Support für Macintosh, Sun & BSD Disk Labels zu implementieren und den Disk Imaging Support ein wenig zu optimieren.

Direktes GNU-Sponsoring

Doch die Zukunft von GNU Parted sieht geradezu rosig aus, denn seit kurzem wird Andrew Clausen von Conectiva Linux dafür bezahlt, an GNU Parted zu arbeiten, während er an der Universität von Melbourne studiert. Dies ist eine großartige Sache, die mehr und mehr in Mode zu kommen scheint.

Firmen beteiligen sich am GNU-Projekt indem sie die Entwickler der einzelnen Projekte bezahlen, um diese von der Notwendigkeit freizustellen, anderweitig Geld zu verdienen. Dabei gewinnen alle Seiten. Der Entwickler kann an den Dingen arbeiten, die er gerne machen möchte; die Firma kann direkt bestimmen, wie ihr Geld verwendet wird, hat den fähigsten Entwickler am Problem und deckt ihren Bedarf so auf die effektivste Weise, während sie simultan das GNU-Projekt und Freie Software fördert.

Da dies auch einen Dienst an der Freien Software-Szene darstellt, denke ich darüber nach, eine Art "Green List" zu führen, auf der Firmen aufgeführt sind, die auf diese Art und Weise operieren. So könnte der Anwender im Zweifelsfall diese Firmen bevorzugen, um damit indirekt wieder die Szene zu stärken. Ideen, Fragen und Kommentare hierzu wären mir sehr willkommen [1].

Übrigens muß man nicht nach Australien gehen, um derartige Firmen zu finden. Ich selber werde seit Anfang des Monats von der iD-Pro Deutschland GmbH dafür bezahlt, neben meiner Diplomarbeit mein aktuelles Projekt GNU AWACS zu entwickeln. Nur dadurch ist es mir momentan möglich, überhaupt daran zu arbeiten. Es ist wirklich schön, daß die Menge der Firmen, die im und mit dem GNU-Projekt arbeiten seit Jahren ansteigt.

Nun gibt es noch eine Sache, um die Okuji Yoshinori mich gebeten hat.

Warum Texinfo?

Okuji -- seines Zeichens ehemaliger japanischer Übersetzer der Brave GNU World und seit langer Zeit im GNU-Projekt aktiv -- hat mich gebeten, noch einmal ein paar Worte zur Bedeutung von Texinfo zu schreiben. Nun habe ich Texinfo ja bereits in der Ausgabe 9 erwähnt und es hat sich nicht so viel verändert -- aber ein paar Worte hinsichtlich der Bedeutung für den Anwender können eigentlich nicht schaden.

Die Idee hinter Texinfo ist, daß ein einzelnes Eingabefile im Texinfo-Format geschrieben wird -- Ähnlichkeiten mit TeX sind dabei nicht zufällig sondern gewollt. Der Benutzer muß nur ein einziges File pflegen, was eine enorme Ersparnis an Zeit und Arbeitskraft darstellt. Aus diesem File können dann verschiedene Ausgabeformate erstellt werden -- möglich sind HTML, Plain ASCII, PDF, ROff, DVI (und damit Postscript) sowie Info. Die Dokumentation kann so problemlos über das Netz verteilt, ausgedruckt und online im Rechner verwendet werden.

Auch wenn die Info-Files manchen Benutzern etwas suspekt erscheinen, haben sie den großen Vorteil, gegliedert zu sein und das Springen zwischen Menüpunkten zu erlauben. Um sie anzusehen, muß man übrigens nicht zwingend das info-Programm benutzen. Der Emacs verfügt über einen exzellenten info-Mode aber auch die Programme pinfo, tkinfo oder der GNOME Help-Browser stellen Info-Files dar.

Diese Vorteile haben Texinfo zum GNU-Dokumentationsstandard gemacht und auch wenn viele Leute im ersten Moment von der TeX-basierten Struktur abgeschreckt werden, so wird die Zeit für die Einarbeitung im Normalfall schnell wieder durch die spätere Ersparnis aufgeholt.

Bevor ich nun zum Ende komme, möchte ich noch kurz auf eine Frage eingehen, die von Thomas Pollak aus Österreich gestellt wurde.

Fälschung des Copyrights?

Da ich diese oder ähnliche Fragen recht häufig höre, halte ich es für sinnvoll, dazu hier kurz Stellung zu nehmen. Die Grundidee ist dabei immer die Frage, welche Sicherheit es dagegen gibt, daß jemand in einem Programm den Namen des ursprünglichen Autors löscht und durch seinen eigenen ersetzt. Häufig wird diese Frage auch speziell dahingehend gestellt, welche Sicherheit die GPL dagegen gewährt.

Zunächst einmal zur Frage, warum die GPL keine Aussage dazu macht: Es ist nach dem allgemein anerkannten Urheberrecht illegal, das Werk eines Anderen unter dem eigenen Namen zu verbreiten. Die Lizenzen können aber unmöglich alle illegalen Nutzungsformen aufzählen und beschränken sich daher darauf, die legalen Formen der Nutzung zu definieren.

Nun zu der angesprochenen Gefahr der Fälschung. Es müssen in diesem Zusammenhang ein paar Fragen gestellt werden. Zunächst einmal ist normalerweise der direkte Verdienst durch Freie Software relativ gering -- das Geld wird über den Support verdient und das Copyright des Programms spielt hierfür keine Rolle. Warum also sollte jemand kriminell werden und das Copyright fälschen wollen? Die finanzielle Seite scheidet aus, daher ist der einzig verbleibende Grund das mögliche Prestige.

Doch was würde passieren, wenn jemand dies tatsächlich tut? Das Programm wurde von einer anderen Person geschrieben, der Fälscher hat es also irgendwo gefunden. Möglichkeiten sind dabei CD-Sammlungen oder natürlich das Internet. Da es dem Fälscher jedoch unmöglich ist, die älteren Kopien des Programms auf CD-Sammlungen oder Web/FTP-Server-Backups zu löschen, -- das Zauberwort heißt hier großflächige Verteilung -- kann relativ schnell gezeigt werden, daß das Programm vorher noch mit einem anderen Copyright kursierte.

Dies dürfte für die Reputation des Fälschenden den Todesstoß bedeuten und es ist höchst fraglich, daß jemand dieses doch beträchtliche Risiko eingehen wird. Daher halte ich diese Gefahr für verschwindend gering.

...und jetzt aufs Bike

So, das war es für diesen Monat, ich werde jetzt das schöne Wetter ausnutzen und mich auf mein Motorrad schwingen - solltet ihr Fragen, Anregungen oder Kommentare haben, meldet Euch bitte wie immer per E-Mail [1].

Infos

[1] Ideen, Anregungen, Kommentare an die Brave GNU World: column@gnu.org
[2] Homepage des GNU-Projektes: http://www.gnu.org/
[3] Homepage von Georg's Brave GNU World: http://www.gnu.org/brave-gnu-world/
[4] "We run GNU" Initiative: http://www.gnu.org/brave-gnu-world/rungnu/rungnu.de.html
[5] Sitzungsprotokoll (Französisch): http://www.senat.fr/seances/s200002/s20000208/sc20000208031.html
[6] Stellungnahme von APRIL zum neuen Entwurf (Französisch): http://april.org/articles/communiques/pr-ledaut.html
[7] Analyse der GPL im Bezug auf die französischen Gesetze (Französisch): http://crao.net/gpl/
[8] e:doc-Homepage: http://members.magnet.at/hfbuch/edoc
[9] Thomas Schmickl: schmickl@magnet.at
[10] GNU Parted Homepage: http://www.gnu.org/software/parted/


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Last modified: Thu Aug 10 20:28:22 CEST 2000