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Dieses Werk ist eine Übersetzung aus dem Englischen.

Das Recht zu lesen

von Richard Stallman

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Die englische Originalausgabe erschien unter dem Titel The Right to Read in Communications of the ACM, New York, Jg. 40, 1997, 2.

Aus: Der Weg nach Tycho, einer Sammlung von Artikeln über die Vorgeschichte der Lunarischen Revolution, veröffentlicht 2096 in Luna City.

Für Dan Halbert begann der Weg nach Tycho an der Hochschule ‑ als Lissa Lenz darum bat, ihr seinen Rechner zu leihen. Ihrer war defekt, und sie hatte keine Chance ihre Zwischenprüfung erfolgreich abzuschließen, wenn sie sich keinen anderen leihen konnte. Es gab niemanden, den sie zu fragen wagte, außer Dan.

Das brachte Dan in ein Dilemma. Er musste ihr helfen ‑ aber wenn er ihr seinen Rechner lieh, könnte sie seine Bücher lesen. Nicht nur, dass es viele Jahre Gefängnis bedeuten könnte, jemanden seine Bücher lesen zu lassen, die Vorstellung selbst entsetzte ihn zunächst. Wie jeder war ihm seit der Grundschule beigebracht worden, dass Bücher mit anderen zu teilen abscheulich und falsch war ‑ etwas, dass nur Piraten machen würden.

Und es war wenig wahrscheinlich, dass er der Behörde für Softwareschutz, SPA (für Software Protection Authority, entgehen würde. Im Softwareunterricht hatte Dan gelernt, dass jedes Buch eine Copyrightüberwachung hatte, die der Zentralen Lizenzierungsstelle meldete, wenn und wo und von wem es gelesen wurde (diese Informationen nutzten sie um Lesepiraten zu erwischen, aber auch um persönliche Interessenprofile an den Handel zu verkaufen). Das nächste Mal, sobald sein Rechner vernetzt wäre, würde die Zentrale Lizenzierungsstelle alles herausfinden. Er würde als Rechnerinhaber die härteste Strafe erhalten ‑ er hatte sich nicht genügend Mühe gegeben, das Verbrechen zu verhindern.

Natürlich beabsichtigte Lissa nicht unbedingt, seine Bücher zu lesen. Vielleicht wollte sie den Rechner nur, um ihre Zwischenprüfung zu schreiben. Dan wusste aber, dass sie aus einer bürgerlichen Familie kam und sich schon die Studiengebühren kaum leisten konnte, geschweige denn all die Lesegebühren. Seine Bücher zu lesen war womöglich ihre einzige Möglichkeit, wie sie graduieren konnte. Er konnte diese Situation nachvollziehen. Er selbst hatte sich verschulden müssen, um all die Forschungsarbeiten bezahlen zu können, die er las. [10 % dieser Gebühren gingen an die Forscher, die die Arbeiten geschrieben hatten. Da Dan eine akademische Karriere anstrebte, konnte er hoffen, dass seine eigenen Forschungsarbeiten, wenn häufig darauf Bezug genommen wird, genug einbringen würden, diese Darlehen zurückzuzahlen.]

Später würde Dan erfahren, dass es eine Zeit gab, als jeder in die Bibliothek gehen und Zeitschriftenartikel lesen konnte, und sogar vorbestellt, ohne zahlen zu müssen. Es gab unabhängige Gelehrte, die Tausende von Seiten ohne Bibliotheksstipendien der Regierung gelesen haben. Aber in den 1990ern hatten sowohl kommerzielle als auch gemeinnützige Zeitschriftenverleger begonnen, Gebühren für den Zugang zu erheben. Vor 2047 waren Bibliotheken, die freien öffentlichen Zugang zur wissenschaftlichen Literatur anboten, nur noch dunkle Erinnerung.

Es gab natürlich Mittel und Wege, die SPA und die Zentrale Lizenzierungsstelle zu umgehen. Doch sie waren illegal. Dan hatte einen Kommilitone in Software gehabt, Frank Martucci, der einen illegalen Debugger zum Diagnostizieren und Auffinden von Programmfehlern erhalten hatte, und benutzte ihn, um den Copyrightüberwachungscode beim Lesen von Büchern zu umgehen. Er hatte jedoch zu vielen Freunden davon erzählt, und einer von ihnen wandte sich von ihm ab und verriet ihn gegen eine Belohnung an die SPA (hoch verschuldete Studenten waren leicht zum Verrat geneigt). 2047 war Frank im Gefängnis, nicht für das Raublesen, sondern für den Besitz eines Debuggers.

Dan würde später erfahren, dass es eine Zeit gab, als jeder Fehlerbeseitigungsprogramme besitzen durfte. Es gab sogar freie Programme zur Fehlerbeseitigung auf CD verfügbar oder über das Internet herunterladbar. Aber gewöhnliche Benutzer begannen damit die Copyrightüberwachung zu umgehen, und schließlich urteilte ein Richter, dass dies deren hauptsächliche Verwendung in der Praxis geworden war. Das bedeutete, dass sie illegal waren. Die Entwickler der Debugger kamen ins Gefängnis.

Natürlich haben Programmierer noch immer Debugger gebraucht, aber 2047 vertrieben Debugger-Anbieter nur noch nummerierte Exemplare, und nur an offiziell lizenzierte und gebundene Programmierer. Der von Dan im Softwareunterricht eingesetzte Debugger wurde hinter einer gesonderten Firewall abgeschirmt, so dass er nur für Übungsaufgaben verwendet werden konnte.

Es war auch möglich, die Copyrightüberwachungen durch Installation eines modifizierten Systemkerns zu umgehen. Dan würde schließlich von den freien Kernen, sogar ganzen freien Betriebssystemen erfahren, die es um die Jahrhundertwende gegeben hatte. Aber nicht nur sie waren wie Debugger illegal ‑ wenn man eins besaß, konnte man es ohne das Root-Passwort seines Rechners zu kennen nicht installieren. Und weder die US-Bundespolizei FBI noch der Microsoft Support würden es aushändigen.

Dan beschloß, dass er Lissa nicht einfach seinen Rechner leihen konnte. Doch er konnte nicht ablehnen ihr zu helfen, da er sie liebte. Jede Gelegenheit mit ihr zu sprechen erfüllte ihn mit Freude. Und dass sie gerade ihn um Hilfe bat, konnte bedeuten, dass auch sie ihn liebte.

Dan löste das Dilemma, indem er etwas noch Undenkbareres tat ‑ er lieh ihr den Rechner und verriet ihr sein Passwort. Auf diese Weise, wenn Lissa seine Bücher las, würde die Zentrale Lizenzierungsstelle denken, dass er sie las. Es war noch immer ein Verbrechen, aber die SPA würde nicht automatisch davon erfahren. Sie würde es nur herausfinden, wenn Lissa ihn meldete.

Natürlich, wenn die Fakultät jemals herausfände, dass er Lissa sein eigenes Passwort gegeben hatte, würde es das Ende für sie beide als Studenten bedeuten, ganz gleich, wofür sie es verwendet hatte. Die Leitlinie der Fakultät bestand darin, dass jeglicher Eingriff in ihre Maßnahmen, die Rechnernutzung der Studenten zu überwachen, Grund für Disziplinarmaßnahmen waren. Es spielte keine Rolle, ob man irgendetwas Schädliches tat ‑ der Verstoß machte es den Administratoren schwer, jemanden zu kontrollieren. Sie gingen davon aus, dies bedeutete, dass man noch etwas anderes Verbotenes tat, und sie brauchten nicht zu wissen, was es war.

Normalerweise wurden Studenten dafür nicht der Hochschule verwiesen ‑ nicht direkt. Stattdessen wurden sie von den Rechnersystemen der Hochschule gesperrt, und würden unvermeidlich in allen Kursen durchfallen.

Später würde Dan erfahren, dass diese Art der Hochschulpolitik erst in den 1980ern angefangen hat, als Studenten in großer Zahl begannen, Rechner zu nutzen. Vorher hatten Hochschulen einen anderen Ansatz zur Disziplinierung von Studenten; sie haben Tätigkeiten bestraft, die schädlich waren, nicht solche, die lediglich Verdacht erregten.

Lissa meldete Dan nicht bei der SPA. Seine Entscheidung, ihr zu helfen, führte zu ihrer Ehe und auch zur Infragestellung dessen, was ihnen als Kinder über Piraterie gelehrt wurde. Das Paar begann über die Geschichte des Urheberrechts, über die Sowjetunion und deren Beschränkungen beim Kopieren und sogar die ursprüngliche Verfassung der Vereinigten Staaten zu lesen. Sie zogen nach Luna, wo sie andere gefunden haben, die sich ebenfalls dem langen Arm der SPA entzogen hatten. Als 2062 der Aufstand von Tycho begann, wurde das allgemeine Recht zu lesen schnell eines seiner zentralen Ziele.

Anmerkungen des Autors

Schlechte Nachrichten

Der Kampf für das Recht zu lesen ist schon im Gange, der Feind ist organisiert, wir hingegen ‑ zu unseren Ungunsten ‑ nicht. Nachfolgend Artikel über Hiobsbotschaften, die seit der Erstveröffentlichung dieses Artikels geschehen sind:

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Referenzen


Dieser Aufsatz wurde englischsprachig in Free Software, Free Society: The Selected Essays of Richard M. Stallman veröffentlicht.

Weitere Texte zum Lesen
Anmerkungen des Übersetzungsteams:
  1. [1] Die Urheberrechtsrichtlinie (UrhRil), Richtlinie 2001/29/EG zur Harmonisierung bestimmter Aspekte des Urheberrechts und der verwandten Schutzrechte in der Informationsgesellschaft, engl. European Union Copyright Directive (EUCD), setzt den verabschiedeten Urheberrechtsvertrag der WIPO auf europäischer Ebene um. Sie kann als europäische Entsprechung zum US-Digital Millennium Copyright Act (DMCA) gesehen werden.

    In Deutschland wurde die Richtlinie durch das Gesetz zur Regelung des Urheberrechts in der Informationsgesellschaft vom 10. September 2003 in nationales Recht umgesetzt.


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